Tief im Waltroper Westen,

in Oberwiese, müssen die Anwohner*innen der Siedlung rund um das Schiffshebewerk gerade mit ansehen wie vor ihren Haustüren für Millionen Euro Glasfaserkabel für schnelles Internet verlegt, sie aber nicht angeschlossen werden. Und das, obwohl es hier reichlich Bedarf und Interesse gibt.

Über 300 Haushalte müssen weiterhin in der digitalen Steinzeit verbleiben, weil die politisch Verantwortlichen sich nicht in der Lage sehen, einen Planungsfehler zu korrigieren. 

Während auf den Straßenseiten, die in diesem Städte-Dreieck zu Datteln oder Castrop-Rauxel gehören, die Häuser aus einem Bundes- und Landesprogramm kostenlos die neue digitale Technik in den Keller gelegt bekommen, gehen die Anwohner*innen auf den anderen Straßenseiten, obwohl auch förderungsberechtigt, vollkommen leer aus, weil sie zum Waltroper Stadtgebiet gehören.

Während die einen zukünftig mit Highspeed digital Home-Office, Videokonferenzen, schulischen Begleitunterricht sowie Online-Kurse durchführen können, Corona hat nochmal untermauert, wie wichtig das ist, dürfen die anderen froh sein, wenn ihr Besuch auf einer Webseite wegen Zeitüberschreitung nicht abbricht. Der Upload eines Fotos kann bis zu mehrere Stunden dauern und für einen 45-minütigen Film muss man schon einen ganzen Tag einplanen.

In Zahlen ausgedrückt: Mit Glasfaserkabel sind Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 1 Gbit/s möglich, die real vorhandene Geschwindigkeit in der Siedlung liegt bei 1,8 Mbit/s.

Es zeichnet sich allerdings auch keine Lösung für die Benachteiligten ab. Denn für schnellere Geschwindigkeiten sind die vorhandenen Kabel schlichtweg zu alt. Und für Kommunikationsdienstleister ist die Siedlung zu klein, als dass sich die Verlegung der neuen Technik rechnen würde. 

Der Kreis Recklinghausen, zuständig für den Ausbau, zeigt zudem keinerlei Anstrengungen, seine Planungsfehler zu korrigieren. Das Buch sei geschlossen, verkündete jüngst der zuständige Breitbandbeauftragte, Sven Ahrens. Und dies, obwohl Angebote vorlagen, die weißen Flächen gleich mit anzuschließen.

Stattdessen werden beispielsweise in Datteln-Horneburg Glasfaserkabel verlegt, obwohl dort FTTC-Netzwerke verlegt sind, die Bandbreiten von 50 – 200 Mbit/s ermöglichen und damit weit über der Förderungsgrenze von 30 Mbit/s liegen.

Noch unverständlicher ist die Situation in Dorsten-Rhade, was auch zum Kreis Recklinghausen gehört und somit in den Verantwortungsbereich des Fachdienst 18 der Kreisverwaltung fällt, der für den Ausbau verantwortlich zeichnet. Hier hat vor etwa zwei Jahren die Deutsche Glasfaser den Bereich erschlossen. Mit öffentlichen Mitteln wird nun ein zweites Mal die Glasfasertechnik verlegt.

Die Planung scheint aber insgesamt sehr dilettantisch: In der Waltroper Straße und in der Eschstraße auf Castroper Gebiet hat Westnetz erst vor wenigen Wochen die Straßen aufgerissen und Leerrohre verlegt. Statt diese zu nutzen reißt der nun beauftrage Tiefbauer sie ein zweites Mal auf und verlegt seine eigenen.

Am Dortmund-Ems-Kanal wurde eine Ruine, die seit 20 Jahren leer steht und zugemauert ist, staatlich subventioniert mit Glasfaserkabel angeschlossen, während der benachbarte Spargelhof Niermann, der existenziell darauf angewiesen ist, übergangen wird. Noch absurder ist die Situation auf dem Nachbarhof von Gregor Kusemann: dort wird das Kabel unter seiner Scheune durchgeführt, der Hof aber selbst nicht angeschlossen.

Nach der Hebewerk-Brücke, deren Bau sich über drei Jahre hinzog, werden die Oberwieser nun ein weiteres Mal von der Außenwelt abgeschnitten. Nun im digitalen Verkehr. Über Jahre wurde versucht, auf das Problem aufmerksam zu machen und eine Lösung herbeizuführen – vergeblich.

Dabei sind die Mittel vorhanden. Bürgermeisterin Nicole Moenikes ist stolz darauf 13 Millionen Euro eingespart zu haben. Für eine Beteiligung von 200.000 Euro, bei einer Gesamtinvestition von einer halben Million, hätte GelsenNet die Siedlung gleich mit angeschlossen. Das allerdings lehnte das Stadtoberhaupt Moenikes in einer Versammlung mit den Anwohner*innen ab: Der Anschluss sei Privatsache. Wie man allerdings nun unter Corona-Bedingungen außerschulischen Begleitunterricht durchführen soll, bleibt offen. 

Die Stadtentwicklungsgesellschaft SEG ist zudem konkret für solche Aufgaben gegründet worden, um die Infrastruktur in Waltrop zu fördern. Auch hier sind die Mittel vorhanden: Bei einem Vermögen von 8,1 Millionen EUR erzielte die städtische Gesellschaft in 2017 einen Gewinn von 2,745 Millionen EUR. In 2018 wurden immerhin noch 360.000 EUR erzielt.

Es fehlt hier also ganz eindeutig der politische Wille, an der Situation was zu verändern. 

Wird Zeit für einen Wechsel.

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